22.11.2010: Wer hat den Durchblick?

Wer hat den Durchblick? Leider niemand, denn heute sollte es bis in den späten Nachmittag regnen. Beschweren kann ich mich deswegen wirklich nicht, schließlich ist es praktisch der erste Regentag in Japan. Schade ist es natürlich trotzdem, denn durch den Nebel und die tief hängenden Wolken bekomme ich auf der Fahrt nach Kurokawa-onsen nur einen Bruchteil des grandiosen Panoramas mit. Die Fahrt geht über 28 km, mein Navi kalkuliert eine Fahrzeit von 90 Minuten. In Worten: Neunzig. Wow! Geil! Krass! Zwischenzeitlich frage ich mich, ob der Kilometer in Japan anders definiert wird. Auch frage ich mich, wie ich die ca. 150 km am letzten Tag schaffen soll... Doch per Autobahn? Da muss ich dann aber noch mal zum Geldautomaten, schließlich würde dieser Highway ca. 140 Euro (in Worten: Einhundertvierzig) kosten. Dort dürfte ich dann sogar 100 km/h fahren. Theoretisch zumindest.

Die japanischen Autofahrer haben ein italienisches Verhältnis zu den Verkehrsregeln, fahren aber leider japanisch: Meist unsicher und fast immer sehr langsam. Auf dem Yamanami Highway war z.B. 50 km/h erlaubt. Kaum einer fuhr aber schneller als 40.

Am Ortsrand von Ubuyama begegnen mir Elefanten, Straußenvögel und zahlreiche andere Tiere. Hier hat ein begeisterter Gärtner mehrere 100 Tiere und Vögel aus Büschen zugeschnitten. Irre Silhouette, die sich in der Tiefe des Nebels im Nichts auflöst.



Hatte die Telefon-Nummer meiner Unterkunft ins Navi eingegeben und kam tatsächlich punktgenau an. In Deutschland würden bei der Lösung wahrscheinlich die Datenschützer Amok laufen. In Japan geht es aber nicht anders, es gibt keine logisch strukturierten Adressen. Wie gesagt, ich komme punktgenau an. Fast zu genau. Am Schluss ging es eine extrem enge 270 Grad Abbiegung nach links. Mein Vordermann hat ein paar Minuten gebraucht und einen Kotflügel zerdeppert, bis er die Kurve gekratzt hat (Schönes Wortspiel :-). Diese Abbiegung war aber eigentlich überhaupt kein Problem. Von der zweiten 270 Grad-Kurve, diesmal nach rechts, habe ich allerdings Abstand genommen- das kann nicht so gemeint sein, dass man da rein fährt. Das Dumme ist nur, erst gibt es keine Wendemöglichkeit und dann bin ich in einer pittoresken, extrem schmalen Gasse und Einbahnstraße. Also noch einmal eine Runde durch das ganze Dorf. Überall wuseln Lebewesen vom Typus Homo Onsensus durch die Gegend. Also Leute, die im Bademantel und Schlappen von Onsen zu Onsen schlappen.

Als ich dann im zweiten Anlauf das Ryokan Yamabiko betrete, bin ich begeistert. Wunderschönes Haus, tolle Atmosphäre, geschmackvolle Einrichtung, sehr freundliches Personal. Habe noch nie zuvor so viel Geld pro Übernachtung bezahlt, trotzdem ist das Haus jeden Cent wert.



Ich bewohne das Zimmer Sazanka mit Blick auf den Wildbach, das Bad und die bunten Wälder. Das "Zimmer" besteht aus mehreren Räumen: Dem Wohn-/Schlafraum, dem Aufenthaltsraum, der Küche, dem Bad und dem WC sowie einem Gang. Ich glaube, ich bin im Paradies gelandet. Die Böden entweder Parkett oder Tatami-Matten, die Wände mit beigen Tapeten und zahlreichen Papiertüren im Holzrahmen.



Diese Meinung, ich sei im Paradies, bestätigt sich, als es um 18:30 Uhr Abendessen gibt. Oder so etwas ähnliches. Mir fällt einfach kein besserer Begriff ein: Genuss? Gaumenfreude? Betörung der Sinne? Nicht von dieser Welt? Auf jeden Fall unglaublich. Fragt mich nicht, was ich alles gegessen habe. Ich weiß es nicht oder allenfalls ansatzweise. Hier die Sachen, die ich identifizieren konnte: Es gibt jeweils eine Krabbe, Auster, Weinbergschnecke sowie eine weitere Schnecke, außerdem eine Jakobsmuschel. Ich gebe zu, von der Krabbe abgesehen, hatte ich um die anderen Gerichte bisher immer einen Bogen gemacht, sieht ja wirklich nicht sooo appetitlich aus. Ich habe es nicht bereut, alles brav aufgegessen zu haben.



Zu trinken gibt es Shochu (wird aus Reis gebrannt, mit Wasser verdünnt und mit viel Eis getrunken- haut rein, hicks!), grünen Tee, Tee aus Meeresfrüchten (kaum zu glauben, schmeckte echt klasse) und Raki. Zu Essen außerdem Shashimi (verschiedene rohe Fische und rohes Fleisch) mit einer Sojasoße und einer weiteren Sauce zum Eintunken, verschiedene Sorten Washabi, gemeinerweise auch in Form eines roten Stängels (hatte herzhaft reingebissen), einen Kloß, diesmal mit Garnele gefüllt, einen unglaublich lecker zubereiteten kleinen gebackenen und gesalzenen Fisch "shio- yaki- zakana" (eine Herausforderung, diesen ganzen Fisch nur mit den beiden Stäbchen auseinanderzunehmen. Solche Speisen sind wahrscheinlich der Grund, dass jeder Gast bzw. jedes Pärchen in einem eigenen Raum isst). Außerdem wildes Gemüse, yuba (abgeschöpfte Sahne von Tofu), Reis, eine gebackene Kartoffel mit einer nicht identifizierbaren, aber unbeschreiblich guten Füllung. Außerdem hatte ich einen kleinen Grill auf dem Tisch, um zwei Stücke Kobe-Rind (unglaublich marmoriert, unglaublich lecker- egal ob die Rinder täglich Bier trinken und massiert werden oder nicht), piiman (eine kleine grüne Paprika), unbekannte Gemüsesorten und verschiedene Pilze. Ach ja, eine leckere Pilzsuppe gab es auch noch. Als ich gerade dabei war, die Anzahl der Schälchen und Töpfchen zu zählen, kam mein Ober mit Schälchen Nr. 28(!) herein und der Nachspeise, Melone (unbekannte Sorte), Birne (unbekannte Sorte) und Kürbis (unbekannte Sorte). 

  

Sorry, wenn ich so ins Schwärmen komme, aber (a) bin ich Hobbykoch und (b) Genießer. Und so gut habe ich selten gegessen. Wenn überhaupt!

Nach einer kurzen Verdauungspause (während ich alles quasi in Echtzeit aufschreibe), geht es noch ins Onsen. Alleine schon die Lage begeistert. Ich verlasse mein Zimmer (barfuß), wechsle in den Schlappenbereich, überquere den Wildbach auf einer überdachten Brücke und genieße das Jetzt und Hier. Sayonara!


23.11.2010 Genießertag

Nach einem leckeren Frühstück kaufe ich mir einen Onsen-Pass, mit dem ich drei der über 20 Bäder besuchen kann. Gar nicht so einfach, sich die interessantesten auszusuchen. Auf jeden Fall bin ich mit meiner Wahl zufrieden: Ich sappe also im Yakuta und in Schlappen von Onsen zu Onsen. Von Onsen 1 habe ich einen tollen Blick auf die Berge, Onsen 2 hat mehrere Bäder, eines davon in einer Höhle, ein anderes direkt neben dem breiten Wildbach unterhalb eines Wasserfalls, Onsen 3 ist in einem Bad, das vom Baustil her der Edo-Epoche nachempfunden ist. Kurokawa liegt in einem tief eingeschnittenen Tal, am Nachmittag wird es deshalb früh schattig. Ich habe Glück, als es ringsum längst schattig ist, habe ich auf meinem Balkon noch strahlenden Sonnenschein.



Das Abendessen lässt sich tatsächlich noch toppen. Zwar gibt es heute "nur" 23 Töpfchen und Schälchen, ist aber alles echt lecker. Vor allem das was auf dem Grill liegt: Auf einem großen Blatt liegen mehrere dünn geschnittene Stücke Fleisch, Kartoffeln, Süßkartoffeln und Gemüse, alles mit einer unglaublich leckeren Sauce verfeinert. Ich glaube ich bin im (Feinschmecker-) Paradies.

Besucherzaehler

Nach oben